Montag, 27. Mai 2019

Ich bin kein Radrennfahrer - das Race around the Netherlands #RATN

Ich bin kein Radrennfahrer. Das ist eine Erkenntnis die sich bei mir in den letzten Wochen verfestigt hat. Wer mein Strava-Profil kennt wird sich jetzt vielleicht etwas wundern. Immerhin bin ich in der Regel recht flott, viel und lang unterwegs.
Vielleicht sollte ich mit einem kleinen Rückblick anfangen...

Am ersten Mai startete das Race around the Netherlands. Ein Bikepacking-Rennen das komplett als Selbtversorgerrennen (keine Streckenposten, keine Versorgungsfahrzeuge, keine Etappenunterteilung) in einem Rutsch rund um die Niederlande führt. Für mich nicht nur das erste Bikepacking-Rennen sondern mein erstes Radrennen überhaupt. Und mit insgesamt knapp 1900 km am Stück für mich auch die längste Distanz die ich je gefahren bin. Dienstags um acht Uhr in Amerongen standen rund 150 Radfahrer beim Cafe und Radtreff "de Prolog" am Start.
Sechs Tage 10 Stunden und 53 Minuten später habe ich den Rundkurs erfolgreich gefinished.

Soviel erstmal zu den nüchternen Zahlen. Das Rennen bzw. die gesamte Veranstaltung hier minutiös mit all seinen Eindrücken wiederzugeben würde deutlich den Rahmen sprengen. Vieles muss sich selbst mit etwas zeitlichem Abstand immer noch etwas setzen. Zu vielfältig waren die erlebten Momente und das was mich vor und nach dem Rennen beschäftigt hat. Ein paar Erlebnisse und Gedanken möchte ich dann aber doch mit Euch teilen. Seht es als kleine Auszüge einer großen Geschichte, die in ihrer Gänze vielleicht mal bei einem gemeinsamen Bier erzählt wird. Vielleicht könnte man sie "Das #RATN - Was ich dorthin mitgenommen habe und was ich von da zurückgebracht habe" nennen...

Der Beginn des Race around the Netherlands war sozusagen auch mein einjähriges Jubiläum seit ich mit dem sportlich ambitionierten Radfahren begonnen habe. Vorher bin ich zwar schon mal mit dem Rad zur Arbeit gependelt oder einfach zur nächsten Eisdiele. Aber größere Touren oder sportliche Herausforderungen waren bis dahin immer Dinge die ich zu Fuß, ohne Rad, erledigt habe. Grundsätzlich nicht viel Vorbereitungszeit würde man meinen. Insbesondere nicht bei so einer Streckenlänge und erst recht nicht mit dem Rattenschwanz der bei so einer Selbstversorgerfahrt noch alles dazu kommt. Die Strecke selber machte mir erstaunlich wenig Sorgen. Als langjähriger Läufer hatte ich eine gute Grundfitness auf die ich mich auch auf dem Rad verlassen konnte, wie meine Bikepackingtour im Vorjahr nach Nizza gezeigt hat. Auch wenn ich keinen festen Trainingsplan verfolgt habe, hab ich die Monate bis zum Start einige Kilometer runtergekurbelt. Oft genug bin ich die knapp 40km mit dem Rad zur Arbeit hin und zurück gependelt. Den ganzen Winter durch hab ich die Strecke mit dem Rad zurückgelegt um meinem Kopf beizubringen, dass der Körper das durchaus kann, auch wenn's mal nass und kalt ist.
Die notwendigen und anfälligen Reperaturen und Wartungsarbeiten am Rad habe ich selber durchgeführt und mir fehlendes Wissen über YouTube und einschläge Websites angeeignet. Schließlich müsste ich mir ja im Falle einer Panne selber helfen können. Die Ausstattung am Rad wurde optimiert. Ein zweiter Radsatz mit Nabendynamo und Stromwandler für die Stromversorgung per USB-Anschluss wurde gekauft. Ein Auflieger für den Lenker, wie ihn auch Triathleten benutzen, wurde montiert. Sattel und Lenker wurden immer wieder millimeterweise verstellt um die Sitzposition fortwährend zu optimieren. Die Taschen, die mein notwendiges Gepäck verwahren sollten wurden auf längeren Fahrten ausgiebig getestet und die beste Verteilung von Gewicht, Volumen und Handling durchprobiert.
Welche Ausrüstung ich zum Übernachten bräuchte machte mir weniger Sorgen, konnte ich hier doch auf jahrelange Erfahrung unter den unterschiedlichsten Bedingungen bauen.

Meine Rennstrategie, sofern man davon überhaupt sprechen kann, war eher etwas konservativ. Ohne große Erfahrung bei solchen Events baute ich auf Nummer sicher. Das bedeutete 1900km bei einer Cut-off-Zeit von 9 Tagen waren rund 200km pro Tag die ich als Mindeststrecke pro Tag fahren müsste um ein Finish zu erzielen. Erfahrungsgemäß schaffte ich auch größere Tagesstrecken, wollte mich aber auch nicht täglich bis an die Grenze gehen um genug Reserven für die Folgetage zu haben. Ich "plante" daher knapp 250km pro Tag ein. Selbst bei einer Panne oder einer anderen Unvorhersehbarkeit hätte ich so noch genug Puffer um im Zeitrahmen zu bleiben. Nachtfahrten, bzw. auch längere Fahrten im Dunkeln schloss ich für mich erstmal aus. Da ich bis zum Beginn des Rennens noch nie eine komplette Nacht durchgefahren war wollte ich beim #RATN keine Experimente wagen. 250km lassen sich auch tagsüber runterkurbeln und die Nacht dann ausgiebig zur Regeneration nutzen.
Den Gesamttrack der Strecke für mein GPS-Gerät unterteilte ich dementsprechend in 250km Abschnitte. Damit wurde ich dann auch mental nicht unterwegs von so einer großen KM-Angabe erschlagen, sondern bekam vor mir auf dem Display immer nur leicht verdauliche Distanzen angezeigt. Sollte das Navi unterwegs mal rumspinnen, wäre so ein kürzerer Track auch schneller neu geladen als eine Datei welche die gesamte Strecke umfasst hätte.
Grundsätzlich war ich glaub ich wohl recht gut vorbereitet.

Am Vortag zum Rennen trafen sich dann alle Teilnehmer schon beim Cafe de Prolog zum Check-in und gemeinsamen Abendessen. Die Atmosphäre war erstaunlich entspannt und durchweg alle Teilnehmer extrem umgänglich und unkompliziert. Ich weiß, man hört den Spruch oft, aber hier passt es wirklich zu behaupten, es war wie bei einer großen Familie. Das da ehemalige RadrennweltmeisterInnen oder Sieger diverser legendärer Ultraradrennen links und rechts neben einem am Tisch saßen fiel mir ehrlich gesagt erst im Nachhinein auf, als ich mir nochmal die Teilnehmerliste anguckte. Daneben war es aber auch ganz nett einige Leute zu treffen, die man bisher nur aus den Sozialen Netzwerken kannte. Etwa Christian aka @teichstecher dem ich dann während des Rennens noch öfters begegnet bin und mit dem es schon im Vorfeld einen regen Austausch gegeben hat. Das wir dann beide am Start mit fast identischem Taschen-Setup und beide in Oranje-Orange gekleidet standen war aber reiner Zufall! Ehrlich!

Der Start am nächten Morgen verlief auch recht locker. Alle standen fertig gerüstet mit ihren Rädern auf dem Vorplatz vom de Prolog. Der Veranstalter erzählte noch irgendwas, was bei mir in der hintersten Reihe leider nicht ganz ankahm. Und irgendwann rollten dann alle mehr oder weniger los. Der ein oder andere zog sich noch in Ruhe eine Jacke an oder aus, fummelte noch an einer Tasche oder verschwandt nochmal kurz auf dem Klo. Bei einem Rennen, das in Tagen und Stunden gerechnet wird, kommt es nicht auf eine Minute mehr oder weniger an.

Der erste Abschnitt fühlte sich dann auf der Strasse dann aber doch eher wie ein Zeitfahren an. Das Peloton hing noch eng zusammen und jeder versuchte sich seine Position passend zu seinem Tempo zu sichern. Auf den ersten 10km war es noch gestattet so dicht aufeinander zu hocken und quasi auch vom Windschatten der anderen zu profitieren. Danach sollte sich das Feld dann aber soweit voneinander getrennt haben, dass abgesehen von den 2er Teams jeder nur noch für sich fährt. Leider hielten sich nicht alle daran. Wenn man nicht um eine Plazierung fährt könnte es einem ja relativ egal sein, wie eng sich manche an die Regeln halten. Da die Strecke aber natürlich nicht abgesperrt war und wir bei normalem Straßenverkehr unterwegs waren, wurde es durch solche zusammenhängenden Gruppen teils schwierig zu überholen und sein eigenes Tempo zu fahren. Bzw. ist es auch etwas unverschämt, wenn sich gleich mehrere Teilnehmer dicht an deinen eigenen Hinterreifen hängen um sich von Dir ziehen zu lassen, wenn gleich Punkt 3 der Regeln dieses Rennens lautet "no drafting at any time". Ich glaube hier merkte man einfach die verschiedenen Radsport-Hintergründe der Teilnehmer. Z.B. ob sie bereits solche Selbstversorgerrennen gefahren waren oder bisher "nur" Brevets wo man gerne in Grüppchen fährt.
Irgendwann lockerte sich das Feld dann weiter und ich war weitestgehend alleine auf der Strecke. Nur an einzelnen Schlüsselpunkten, etwa einer Bäckerei, fuhr man dann wieder aufeinander auf. Unterwegs gab es dann noch eine nette Überraschung als Uli Benke, ein Bekannter von Twitter, mit seinem Rad an der Strecke auftauchte um sich das Spektakel mal selber anzugucken, ein paar Fotos zu schießen und uns anzufeuern. 

Für die erste Nacht plante ich einen nahegelegenen kleinen Campingplatz anzufahren, der etwas neben der Strecke liegen sollte. Gefunden hab ich ihn leider nicht. Nachdem ich trotz eines Hinweisschildes und Unterstützung durch Google-Maps erfolglos ein paar Runden um einen Acker und durch ein Waldgebiet gefahren war, kehrte ich zur Hauptroute zurück. Nach wenigen Kilometern wurde ich dann mit einem Pfadfinderzeltplatz belohnt. Da zur Zeit noch keine Jugendgruppe dort lagerte durfte ich meinen Biwacksack einfach auf der Wiese ausrollen und auch das Dusch- und Toilettenhäuschen nutzen. Perfekt! Knapp 350km hatte ich auch schon eingefahren und war damit meinem selbst gesetzten Soll einiges vorraus.

Mit dem ersten Morgenlicht machte ich mich langsam auf, verpackte meinen Krempel am Rad und rollte los. Irgendwann fuhr ich dann auf Christian auf, der neben Problemen mit einer blockierenden Bremse auch noch eine Zahnkrone verloren hatte. Wir fuhren ein Stück nebeneinander und suchten erstmal eine Bäckerei fürs Frühstück. Zwei Kaffee und diverse Backwaren später trennten wir uns dann. Er suchte einen Zahnarzt und eine Radwerkstatt auf, ich kurbelte weiter Kilometer runter. Nach knapp 270km und einem ganzen Stück mit Gegenwind und starkem Regen freute ich mich dann in Lauwersoog über eine heiße Dusche auf einem Campingplatz und eine große Portion Fritten bevor es dann fluchs in den Biwacksack ging. Nachts wurde ich dann durch Regen im Gesicht geweckt. Naja...

Der dritte Tag führte dann für mich an der Küste entlang, vorbei am Ijselmeer. Und das gefühlt sehr, sehr langsam. Gegenwind bis Amsterdam. Leider machte sich durch das stärkere Treten dann mein offenbar leicht verzogenes Schaltauge bemerkbar. Die Schaltung sprang öfters und ich trat regelmäßig mit voller Kraft ins Leere. Meine linke Achillessehne wurde dadurch ziemlich schmerzhaft strapaziert und ich wusste nicht wie weit ich es noch schaffen würde. Zudem machte sich mittlerweile deutlich bemerkbar, dass die Kleidung die ich dabei hatte nicht für die teils unerwartet niedrigen Temperaturen ausreichte. Stehen bleiben konnte ich auch nicht, da es auf dem Streckenabschnitt kaum Versorgungsmöglichkeiten gab und ich auf offener Strecke ohne Bewegung im nu anfing zu frieren. Nach 245km schaffte ich es nach Amsterdam. Madman Bicycles, ein Radladen/ Cafe hatte sich für die Teilnehmer des #RATN als Supportpunkt angeboten. Neben vergünstigten Angeboten aus dem Cafe gab es schnelle technische Unterstützung und bei Bedarf Platz in der Werkstatt um den Schlafsack für die Nacht auszurollen. Auch wenn es noch recht früh am Tag war, mein Bein brauchte dringend Pause. Für mich war in keinster Weise abzusehen ob ich mit der angeschlagenen Achillessehne noch weiterfahren, geschweige denn das Rennen überhaupt noch beenden könnte. Aber es heißt ja nicht umsonst "Never quit on a bad day". Und mit rund 870km nach dem dritten Tag hatte ich mir einen ausreichenden Puffer erstrampelt um notfalls einen kompletten Ruhetag einlegen zu können und noch im Zeitlimit zu bleiben. Also nicht stressen, Fuß hochlegen, Kaffee trinken und Kuchen futtern.

Am nächsten Morgen wurden wir alle "sanft" geweckt als einer der Mitfahrer im Halbdunkel auf dem Weg zur Toilette die sorgsam aufgereihten Stahlrahmen in der Werkstatt umstieß. Naja, wach ist wach. Das Bein war zwar gut geschwollen, gehen fiel schwer, tat aber nicht ungewöhnlich weh und war weitestgehend belastbar. Kurbeln kann man ja notfalls auch mit einem Bein. Also erst nochmal den guten Kaffee vom Madman Bicycles genossen und dann gegen acht Uhr langsam losgeradelt. Zwar gab es wieder etwas Gegenwind, aber bis Denhelder waren es nur knapp 130 km und von dort sollte es laut Karte Rückenwind geben. Unterwegs zogen immer wieder starke Hagelschauer auf, die aber glücklicherweise nie lange anhielten. Und je näher es an die Westküste ging umso besser wurde das Wetter. Bis hierher hat das Bein auch gut gehalten, auch wenn's etwas steif war. In Denhelder fand sich dann auch eine Gruppe Teilnehmer an einem großen Strandcafe ein. Also Kalorien nachfüllen, Kaffee tanken und dann den Rückenwind Richtung Süden entlang der Dünen nutzen. Auf dem letzten Stück nach Rotterdam traf ich erneut auf Jack Peterson, den ich schon beim Strandcafe kennengelernt hatte. Irgendwie pendelte sich unser Tempo ein und wir fuhren den Rest des Tages nebeneinander. Auch mal nett sich nach den Tagen mehr oder weniger alleine auf dem Rad auch mal unterwegs unterhalten zu können. Wir überlegten mögliche Übernachtungsoptionen in Rotterdam. Busbahnhof, Aufenthaltshalle am Fährterminal, UBahn,... als uns ein Gebüsch unterhalb von ein paar Windrädern gleich am Hafenbecken sympatisch zuzwinkerte. Also nach knapp 300km schnell die Räder ins Gestrüpp, wo gut geschütz genug Platz war um zwei müde Bikepacker mitsammt ihrem Krempel eine Bivvy-Möglichkeit zu bieten.
Nachts kühlte es sich dann doch wieder ordentlich ab. Zum Glück hatte ich mir unterwegs bei einer Kirmes eine Tüte mit Fettgebäck gekauft. Immer wenn ich nachts durch die Kälte wach wurde, machte ich paar kurze Situps in meinem Biwacksack um die Muskeln aufzuwärmen, stopfte mir ein fettiges Teilchen in den Mund und mit dem angeregten Stoffwechsel schlief es sich gleich etwas wärmer. Am nächsten Morgen war die Tüte dann leer.
Jack rollte als erfahrener Langstrecken-Veteran als erster wieder los. Ich folgte ein paar Minuten später. Abgesehen von einem McDonalds hatte zu dieser frühen Stunde noch alles geschlossen. Wir gönnten uns ein Frühstück und nutzten die Gelegenheit für eine Katzenwäsche auf der Toilette. Soll ja niemand behaupten wir wären ungepflegt.

Auf den nächsten Streckenabschnitt freute ich mich besonders, kannte ich diese Ecke der Niederlande doch schon von den Urlauben aus meiner Kindheit sehr gut. Am Deltawerk, das hier das Inland vor Sturmfluten schützt, war ich Jahre zuvor sogar getaucht. Spannend dieselben Straßen nun Jahre später auf so einem Radrennen zu fahren. Und einfach zu verlockend jede bekannte Frittenbude anzufahren, nur um zu gucken, ob die Fritten noch genauso lecker sind wie damals... (Waren sie!)
Kurz hinter Domburg verpasste ich dann in den Dünen einen Abzweig. Beim Wenden auf den Betonplatten rutschte ich auf einer dünnen Sandschicht aus. Mein angeschlagenes Bein konnte ich nicht schnell genug aus den Klickpedalen lösen und schlug damit auf den Betonplatten auf, die hier den Untergrund bildeten. Meine linke Hand trug zwar eine Prellung davon, war aber durch die Handschuhe noch gut geschützt. Mein sowieso schon angeschlagenes Bein, das sich zwar bis hierher relativ ruhig verhalten hatte, aber immer noch empfindlich war, hat es nicht so gut bekommen. Der Knöchel fing sofort an anzuschwellen. Gebrochen oder gerissen war zwar nichts, aber die Sehne war ordentlich gezerrt. Ich setzte mich umgehend wieder aufs Rad und fuhr weiter, ehe das Adrenalin vom Sturz nachließ und die Schmerzen einsetzen würden. Mit etwas Glück könnte ich mit der sofortigen Bewegung verhindern, dass das Gelenk komplett zuschwillt und unbeweglich wird. Weit würde ich es aber heute nicht mehr schaffen. Blöd, da heute das Wetter einigermaßen stabil war und ich bis dahin guten Fortschritt gemacht hatte. Bis auf die Höhe von Bergen op Zoom wollte ich es aber noch ungefähr schaffen. Die Strecke war flach, es war noch recht früh am Tag und solange ich nur mit meinem rechten Bein Kraft aufs Pedal ausübte und das Linke quasi passiv mitlaufen lies konnte ich noch weiterfahren. In Hoogerheide, nach 245 km buchte ich mich in einem Hotel ein. Das Bein brauchte dringend Pause. Draußen schlafen war keine Option, wenn ich dem Bein die notwendige Regeneration zukommen lassen wollte.
Dusche und ein richtiges Bett war schon ganz nett. Aber im Speisesaal dann ein riesiges Buffett incl. Eistheke, zwei Schokobrunnen (helle und dunkle Schokolade), einer Kuchentheke, einer gut bestückten Salatbar, asiatischem Buffett, einer Grillstation und freien Getränken... Nach fünf Tagen auf dem Rad bedarf es wohl keiner Worte was mir da durch den Kopf ging!

Am sechsten Tag hatte sich das Bein trotz der Nachtruhe nicht wirklich verbessert, aber auch nicht verschlechtert. Meine ursprüngliche Idee evtl. den letzten Teil der Strecke auch durch die Nacht durchzufahren und somit einen Tag mehr herauszuholen würde ich aber ganz klar nicht mehr umsetzen können. Nach dem Frühstück ging es raus. Es war kalt. Ich wurde nicht wirklich warm und kurbelte lustlos und etwas angefressen vor mich her. Immer wieder regnete es was die Lage nicht besser machte. Die Bremsbeläge meiner hinteren Bremse waren auch durch. Die Ersatzbeläge hatte ich bereits vorne verbaut. Mit den bevorstehenden Höhenmetern und Abfahrten rund um das Dreiländereck keine wirklich guten Voraussetzungen. Ich hielt gefühlt an jedem zweiten Radladen, aber die passenden Beläge waren nirgendwo zu bekommen. In einer kleinen Radwerkstatt wurden dann der Mechaniker und ich erfinderisch. Die alten Beläge wurden ausgebaut, auf der Werkbank etwas mit der Feile bearbeitet und aufbereitet und nach der fragwürdigen Behandlung hatten sie zumindest wieder etwas Grip. Besser als nix. Ich kaufte noch ein dickes, frottiertes  Mountainbike-Radtrikot und ergänzte damit mein Schlechtwetteroutfit, das unterwegs bereits ein Upgrade durch ein paar gummierte Gartenhandschuhe aus einem Baumarkt erhalten hatte. Warm eingepackt und zumindest mit etwas mehr Bremsleistung ging es weiter Richtung Maastricht.
Da meine Ausrüstung von den Temperaturen bereits voll ausgereizt war und mein Bein auf qualitative Regeneration angewiesen war suchte ich für die kommende Nacht wieder ein Hotel raus. In Falkenburg plante ich die Übernachtung ein. Die Route des Rennens machte einen Bogen, hoch auf eine Anhöhe oberhalb von Falkenburg und kehrte dann wieder nach Falkenburg zurück. Statt mir die Höhenmeter sozusagen fürs Frühstück aufzusparen, ging ich sie noch am Abend an, konnte ich danach doch ordentlich Pause machen und den nächsten Morgen entspannter starten. Nach nicht ganz 250km freute ich mich über ein Bett.

Dienstag, der siebte und somit letzte Tag. Das Bein war über Nacht ruhig geblieben. Zwar geschwollen und ziemlich steif, aber vom Schmerz her ganz ok. Noch 260km to go. Nach dem Frühstück im Hotel nutzte ich die erste Gelegenheit um die Packtaschen bis zum Rand mit Vorräten vollzustopfen. Wenn möglich wollte ich nicht mehr stoppen müssen. Das Rennen wollte ich jetzt endlich zum Abschluss bringen. In der Fronttasche fanden sich 6 Rosinenbrötchen, eine Packung Riegel, eine 500 Gramm Packung Weingummi, eine große Tüte Erdnüsse. Neben den Wasserflaschen am Rad hatte ich in den Trikotaschen zwei 0,5l Cola Flaschen. In meiner Rahmentasche waren zwei zusammengerollte Pizzen. Und in meiner Beintasche steckten noch zwei Clifbars.
Kurz nach der Hälfte der Strecke war bereits alles verputzt...
Also notgedrungen beim nächsten Supermarkt reinspringen. Die Taschen erneut füllen, noch schnell eine Flasche Saft und eine Packung Beeren wegatmen und wieder in den Sattel.
Nur ein kurzes Stück weiter sah ich wie grade zwei andere Teilnehmer, die ich unterwegs bereits getroffen hatte, grade vor einem Cafe ihre Räder wieder fertig machten. Ich flitzte um die Kurve und gab Gas. Es war ja immerhin ein Rennen. Und mein Kopf wollte erstens das Ding jetzt zuende machen und zweitens nicht noch auf den letzten Metern überholt werden. Die Sache mit dem Bein nervte mich schon genug. Irgendwie fühlte sich dann der Asphalt so merkwürdig an. Verdammt! Das war nicht der Asphalt! Ich hatte einen Platten! 100km vorm Ziel!!!
Ruhe bewahren! Jetzt nichts überstürzen. Also rechts ranfahren. Werkzeug auspacken. Nabendynamo abstöpseln. Schnellspanner lösen. Rad ausbauen. Luft ablassen. Mantel abziehen... Was soll der Mist? Der Mantel lässt sich nicht bewegen! Selbst mit den Reifenhebern ist nichts zu machen. Blödes Tubeless-Ready-Setup!!! Am Grundstück neben mir guckt eine Frau interessiert über den Zaun. Sie teilt mir mit, dass es am anderen Ortsende einen Radladen gäbe. Aber da bräuchte ich bestimmt ein Auto. Ich gucke kurz in die Karte, überlege, schulter mir mein Fahrad auf die rechte Seite, das ausgebaute Laufrad nehme ich in die linke Hand und laufe los. Irgendwie spielt das angeschlagene Bein mit und der vertraute Laufschritt fühlt sich nach den Tagen im Sattel gut an. In dem Moment kommen die beiden anderen Teilnehmer, die ich kurz vorher überholt hab vorbei und fallen bei meinem Anblick fast vom Rad. So wie ich da unterwegs war hatten die warscheinlich schon befürchtet, ich wolle das Rennen jetzt zu Fuß finishen. Als ich ihnen mitgeteilt hatte, dass aber alles ok sei und ich nur die nächste Werkstatt ansteuerte waren sie beruhigt und flitzten davon.
In der Werkstatt gelang es den beiden Mechanikern dann erst mit gemeinsamen Kräften den Mantel von der Felge zu ziehen. Das der so fest saß hatte ich auch noch nicht erlebt. Bisher saß der zwar auch immer stramm, aber war noch zu händeln. Die Ursache für den Platten war dann schnell gefunden. Es hatte sich eine scharfkantige Muschelschale durch den Mantel bis in den Schlauch gedrückt. Schlauch wechseln. Mantel drauf. Aufpumpen. Rad einbauen. Und weiter gings.
So lange hatte die ganze Aktion dann zum Glück nicht gedauert. Noch 100km. Die Taschen haben genug Vorräte. Mal gucken ob ich das Ding nicht noch unter sechseinhalb Tagen packe. Also Kette rechts und kurbeln!

Bei Venlo hatte ich die beiden, die mich während meiner Panne überholt hatten, wieder eingeholt. Irgendwie kitzelte sich das jetzt zu einem richtigen Rennen hoch. Keiner wollte mehr seine Position aufgeben und so gab es immer wieder kurze Sprints von roter Ampel zu roter Ampel. Blöderweise achtete ich nicht auf mein Navi und verpasste eine Abzweigung. Die beiden sahen ihre Chance und flogen los. Ich wendete und kurbelte hinterher. Bei einem Rennen das über 1900 km geht, kann man sowas auf den letzten 100km durchaus als Sprint-Finish bezeichnen. Es dauerte etwas, aber ich arbeitete mich ran. Ein Bekannter aus Düsseldorf verfolgte das ganze per GPS über die Onlinekarte der Veranstaltung. Auf dem Display meines Navis blinkten seine Anfeuerungen auf. "Das Ziel ist ganz nah!", "Top. Die 48 ist kurz vor Dir. Die 28 in Reichweite."
Ich überholte die beiden und brachte Distanz zwischen uns. Mein Kopf war mittlerweile komplett im Renn-Tunnel. Kurbeln, Route, Restkilometer, Kurbeln....
Nachricht: "Als nächtes die 40 und 94. wenige km vor Dir." Ich ließ meine Pedale rotieren. Zog am nächten Teilnehmer vorbei der etwas verdattert war und versuchte hinterherzukommen.
Tiefer im Tunnel. Kurbeln, Route, Kurbeln, Route, Kurbeln, Route...

"So nah am Ziehl! Unglaublich!!!"

Kurbel, Route, Kurbeln, Route, Kurbel...

"Die 21 sitzt Dir im Nacken"

Ich lass mich doch auf den letzten 40 Kilometern nicht mehr überholen!!! Jetzt heißt es pokern. Ich gebe nochmal alles. Entweder reicht die verbleibende Kraft oder der Tank ist kurz vor dem Ziel leer. Ich erhöhe den Schnitt. Mit über 30 km/h kurbel ich was noch geht. Das Bein ist mir jetzt egal. Ehrlich gesagt merke ich es grade eh nicht mehr. Die letzten Kilometer laufen rückwärts. Keine Stunde mehr bis zum Ziel. Jetzt keinen Fehler mehr machen. Auge auf die Route. Kurbeln. Ich fliege dahin. 33er Schnitt. Ich muss mich etwas zügeln um nicht auszubrennen. Ortseinfahrt Amerongen. Gleich da. Moment, da war eine Baustelle. Die Strasse war gesperrt. Wie war nochmal die Alternative? Ich ziehe an einer Pedelecfahrerin vorbei. 37km/h. Jetzt ist auch egal. Ich biege um die Ecke und...
de Prolog. Das Ziel. Finish!!!
Im Ziel pumpt noch ordentlich das Adrenalin der letzten Km. Ich bekomme erstmal ein Bier in die Hand gedrückt. Lecker. Langsam zur Ruhe kommen. Jack ist auch bereits da. Er war die letzte Nacht durchgefahren.
Einige Zeit später treffen dann auch die anderen Fahrer ein mit denen ich mir den Schlusssprint geliefert hab. Ich spendiere ihnen ein Bier und wir gratulieren uns gegenseitig. Ein spannendes Finish.

Die Nacht verbringe ich im "de Prolog". Am morgen verabschiede ich mich von allen, radel ganz entspannt mit dem Rad nach Arnheim und nehme von dort die Bahn nach hause.

Langsam setzen sich die Eindrücke dieses Rennens. Langsam verblassen die Erinnerungen an die Strapazen. Langsam wird mir erst bewusst, was das für eine Leistung und was das für eine bekloppte Aktion war.

Am Ende taucht meistens immer die Frage auf, ob man so etwas nochmal machen würde.
Ich habe diesen Artikel "Ich bin kein Radrennfahrer" genannt, nicht weil ich vielleicht körperlich nicht für Radrennen in der Lage wäre. Es ist vielmehr das, was in meinem Kopf passiert.
Bei Brevets geht es meist ziemlich entspannt zu. Es geht ja quasi um nichts und es herrscht dementsprechend keine Konkurrenz. Bei den RTFs die ich kenne, geht es grundsätzlich auch um nichts. Nur darum die Strecke zu schaffen. Keine Plazierung. Keine Finisherzeit. Und dennoch hab ich bei RTFs vielmehr Ellenbogenmentalität erlebt als es Sinn machen würde. Ich scheue mich persönlich nicht vor einer körperlichen Herausforderung. Aber ich bin kein großer Freund von Konkurrenzdenken. Das war ich auch schon beim Laufen nie. Leider bin ich für sowas aber auch durchaus anfällig wie ich auf der letzten Etappe des #RATN gemerkt habe. Ich hätte auch nichts dadurch verloren wenn ich einfach gemütlich ins Ziel geradelt wäre. Stattdessen war ich so in meinem Tunnel und dachte ich müsste was beweisen. Wem eigentlich? Mir selbst?
Bei RTFs war dieser Konkurenzdruck unterschwellig noch höher. Einfach, weil viele andere diese Veranstaltungen scheinbar dazu nutzen um sich gegenüber anderen zu beweisen. Zumindest hat es auf mich oft diesen Eindruck erweckt. Abdrängen, dichtes Überholen in Kurven, Ausbremsen, etc.... Aber wenn einer die Ellenbogen auspackt, dann push ich zurück. Ich lasse mir sowas nur ungern gefallen. Nur, dann gehe ich auch gerne mal bis an meine Grenzen. Die Gefahr mich wegen so einer Belanglosigkeit kaputt zu machen ist für mich ziemlich groß. Bei Wettkämpfen, wo ganz klar ein direktes Gegeneinander gefördert wird, mache ich grundsätzlich einen Bogen drum. Das macht mir einfach irgendwie keine richtige Freude. Bei so langen Veranstaltungen wie dem #RATN relativiert sich das dann wieder irgendwie. Aber auch hier wacht man morgens auf und weiß, dass selbst das Zähneputzen unter einem gewissen Zeitdruck erfolgt. Das mag für andere reizvoll sein, ich brauche das nicht unbedingt.
Ein klassisches Radrennen fällt damit komplett für mich raus. Es gibt auch so genug Strecken und Herausforderungen die ich mit meinem Rad erfahren kann. Ich bin kein Radrennfahrer.
Beim Laufen hab ich für mich mal gesagt "Running, not racing."
In diesem Sinne könnte ich das jetzt ergänzen: "Riding, not racing."

Wie das in Zukunft aussehen wird, kann ich aber natürlich nicht 100% sagen. Jetzt wo ich diesen Artikel hier geschrieben habe hätte ich vielleicht doch Lust nochmal so eine Ultraevent mitzufahren. Dann aber deutlich entspannter...

Mittwoch, 16. Januar 2019

Upgrades als Lebensziel

Wer sich jetzt nicht zum ersten Mal hier auf diesen Blog verirrt, der hat vermutlich mitbekommen, dass ich für dieses Jahr zumindest in sportlicher Hinsicht gewisse Pläne habe. Ich bereite mich grade nicht nur auf mein allererstes Radrennen überhaupt, sondern damit auch gleich auf ein 1600km Ultrarennen im Selbstversorgermodus vor. Dass das kein asketischer Selbstfindungstrip wird, sondern auch die Ausrüstung einen wesentlichen Teil für ein erfolgreiches Finish ausmacht, steht außer Frage. Und dennoch frage ich mich wie sehr man dabei den Fetish fürs Equipment ausreizen muss. Damit meine ich nicht den grundsätzlichen Ansatz zu einer ultraleichten und minimalistischen Ausrüstung wie ich sie auch auf meinen sonstigen Touren forciere. Vielmehr frage ich mich wieviel Optimierung noch sinnvoll ist bzw. ab wann das nächste Upgrade nur noch zum Optimierungswahn verkommt.

Wenn ich mich in letzter Zeit mit anderen Radsportbegeisterten ausgetauscht habe, ging es früher oder später um mein Equipment und die Konfiguration meines Rades für mein anstehendes Rennen. Und oft genug wurde ich dann gefragt, warum ich diese Reifen wähle und nicht jene. Warum ich ein Akkulicht montiert habe und keinen Dynamo. Und warum ich überhaupt ein Gravelbike aus Alu für diese Tour nehme und kein leichtes Rennrad aus Carbon. Ich könnte mich jetzt in stundenlange Gear-Nerderei ergeben und die Vor- und Nachteile von diesem und jenem diskutieren. Aber um es kurz zu machen: Ich greife zunächst einmal auf das zurück was ich hier rumstehen habe. Und auch wenn evtl. manche Entscheidungen die zum Kauf oder Nichtkauf eines dieser Teile führten mittlerweile wohl überholt sein mögen, steht mir zumindest kurzfristig nichts anderes zur Verfügung. (Hätte ich damals schon gewusst, wie geil sich mein Sonder Camino fährt und wieviel Zeit und km ich auf seinem Sattel verbracht habe, hätte ich z.B. gleich die Titanversion plus Nabendynamo bestellt. Hab ich aber nicht.)
Natürlich werde ich mir noch das ein oder andere Teil für mein Equipment besorgen. Aber wie die Meisten verfüge auch ich nicht über ein unbegrenztes Budget. Damit stellt sich dann auch die Frage, wie wichtig ist mir dieses Rennen und wieviel bin ich bereit dafür zu investieren. Und auch nicht zuletzt, muss ich überhaupt etwas dafür investieren oder reicht nicht bereits das was ich besitze um mein Ziel beim Race around the Netherlands zu erreichen?

Die Bedingungen beim #RatN sind wie bei jeder ähnlichen Veranstaltung ziemlich spezifisch. Ich kann auch jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich in naher Zukunft nicht an einer Veranstaltung mit den selben Rahmenbedingungen teilnehmen werde. Also wie präzise soll ich mein Equipment auf die zu erwartenden Bedingungen abstimmen. Bzw. wieweit kann ich mein Rad so auch noch für Touren nutzen, wie sie mir für die weitere Zukunft vorschweben? Und ohne, dass hier anschließend teure Bauteile rumfliegen die nur einmal genutzt wurden?

„Lerne das zu nutzen, was Du besitzt! Dann verfügst Du über mehr als Du brauchst.“

Diese Aussage mag sich banal anhören, aber sie beschreibt ziemlich gut meinen Ansatz wenn es um meine Tourenvorbereitungen geht. Neues, glänzendes Equipment hat einen gewissen Reiz. Aber bewährte und erprobte Ausrüstung, bei der man die Stärken und Schwächen kennt und weiß, dass man sich drauf verlassen kann, hat ihre eigenen Vorteile. Und auch wenn eine gewisse Sentimentalität rein objektiv betrachtet, ineffizient sein mag, so finde ich es doch schön wenn man es wertschätzen kann wohin einen ein Teil bereits begleitet hat. Sei es ein Fahrrad, Rucksack oder was anderes. Manchmal kommt man an den Punkt, wo man nicht nur anderen, sondern auch sich selbst einfach sagen muss: „Mir reicht das. Damit bin ich zufrieden.“ Das mag in unserer kapitalistisch geprägten und erfolgsorientierten Gesellschaft zwar etwas ungewohnt klingen, aber sind ewige Upgrades das einzige Lebensziel und der Drang zur fortlaufenden Optimierung die Erfüllung?

Ich werde beim Rennen um die Niederlande mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht auf einem 30 Jahre alten Hollandrad an den Start gehen. Aber ich werde mit ziemlicher Sicherheit auch nicht jede Schraube an meinem Rad durch eine gewichtsreduzierte Titanschraube ersetzen um minimale Vorteile herauszukitzeln. Das Rennen um die Niederlande ist ein Wettkampf vieler Teilnehmer. Aber es ist für jeden auch eine persönliche Herausforderung. Für mich steht letzteres im Vordergrund und daran werde ich mich in meiner Vorbereitung und im Rennen selber orientieren. Ob ich durch diese Entscheidung jetzt minimal schneller oder langsamer wie andere Teilnehmer sein werde, ist für mich damit erstmal nicht wichtig. Aber das heißt auch nicht, dass mir eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Rennen nichts bedeuten würde. Was Erfolg für jemanden bedeutet, ab wann man zufrieden mit etwas ist und wieviel man bereit ist dafür herzugeben muss jeder für sich selbst bestimmen. Nicht nur bei einem Selbstversorgerrennen auf einer Ultradistanz.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Wirre Gedanken zum #RatN

Das Race around the Netherlands (RatN) wird mein erstes offizielles Radrennen werden.
Schon eine Hausnummer wenn man sich die Dimensionen der Veranstaltung anguckt. Über 1600km in einer Etappe. Komplett als Selbstversorgerrennen organisiert, d.h. keine Verpflegungspunkte, keine Teamfahrzeuge und keine Etappenpunkte. Alles in einem Rutsch. Ob und wo man schläft, wie man sich verpflegt und was man bei einer Panne macht bleibt alles offen.

Ich fahre jetzt etwa seit einem Jahr mit dem Rad. Also, Radfahren hab ich natürlich schon als Kind gelernt, aber das engagierte, sportliche Fahren betreibe ich erst seit Anfang 2018. Und auch wenn ich jetzt schon einige tausend Kilometer in der recht kurzen Zeit runtergekurbelt habe und dazu auch mehrtägige und lange Touren im Sattel verbuchen kann, ist das RatN doch eine neue Erfahrung für mich.

Ich werde oft gefragt, wie ich mich darauf vorbereite. Was ich für eine Taktik fahren werde oder wie meine Ausrüstung aussehen wird. Und ganz ehrlich. Ich weiss es noch nicht. Nichts von alledem. Und gucke ich in den Kalender sind es bis zum Start nur noch genau 111 Tage! D.h. 3 Monate und 3 Wochen. Jeder halbwegs durchschnittliche Marathonläufer hätte mittlerweile sein Hotelzimmer gebucht und würde mitten im Trainingsplan stecken. Und ich? Naja...

Ok. Ganz so schlimm ist es nicht. Immerhin sitze ich recht viel auf meinem Bock und habe zum Jahresabschluss erst noch das Rapha Festive 500 erfolgreich zu Ende gebracht und das neue Jahr gleich noch mit einem GrandFondo, also einer Tour über 100 Kilometer, gestartet. Um meine Fitness mache ich mir also nicht so die Gedanken. Und in den 3 Monaten wird sich da auch noch was tun.

Meine Taktik? Naja, als erstes Radrennen, insbesondere über so eine Strecke, mache ich mir da keine Illusion. Erstmal ankommen. Da reicht ja schon ein blöder Defekt damit man das Rennen nicht mehr finishen kann. Aber als Letzter ins Ziel rollen möchte ich auch nicht. Eine Zeit von 6 Tagen halte ich für realistisch. Jeden Tag etwa 250 km runterkurbeln und genug Pause zum Regenerieren lassen. Nachtfahrten versuche ich erstmal aufs Nötigste zu begrenzen. Wenn alles passt, kann man ja zum Ende hin dann noch immer einen raushauen. Ich bin eh nicht der Typ der auf Wettkämpfe und Schw... Vergleiche steht. Ich mag das Abenteuer, persönliche Herausforderungen und Erlebnisse. Wer meine Touren kennt, weiß was ich meine.

Ich muss immer daran denken, wie sich die eigene Persönlichkeit auch in der Rennstrategie und im Fahrrad selbst widerspiegelt. Für mich steht Erlebnis ganz klar vor Platzierung. Was jetzt nicht heißen soll, ich würde nur gemütlich vor mich hinrollen. Auch bei meinen Trailläufen und -wettkämpfen stand für mich das Erlebnis immer ganz klar im Vordergrund. Und langsam war ich da nie.
Aber es muss insgesamt für mich passen. Ich könnte natürlich mit einem aufs Optimum zurechtgefeilten Zeitfahrrad wie einem Cervelo P5X an den Start gehen, das nötige Kleingeld vorausgesetzt, und versuchen eine Bestzeit herauszufahren. Aber hätte ich da Spaß dran? Nö, warscheinlich nicht. Das würde nur in eine Selbstkasteiung ausarten, zu der ich zwar durchaus in der Lage wäre, die mir persönlich aber keinen wirklichen Mehrwert geben würde.
Ich suche den Mittelweg, die Gegend sehen, Leute treffen, aber zugleich mit dem Rad dahingleiten und sich selber körperlich fordern.

Unter den Bikepacking-Rädern gibt es zwei Extreme die viel über ihre Fahrer aussagen. Das eine sind die auf Performance getrimmten (Straßen-)rennmaschinen mit Zeitfahrauflieger, minimalem Gepäck und ihren Reitern in aerodynamisch vorteilhaftem Lycra. Das andere Ende des Spektrums sind die Mountainbikes mit zusätzlicher Gepäckaufnahme an der Gabel, breiten Reifen und ihren bärtigen Fahrern in Karohemden.
Ok. Das sind natürlich nur Klischees. Aber an jedem Klischee ist auch ein Funke Wahrheit dran und die meisten Adventurebiker und Langstreckenradler finden sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen wieder.
Mit meinem Gravelbike bin ich zumindest Radtechnisch ziemlich genau in der Mitte. Und auch wenn ich in den Niederlanden nicht unbedingt mit Stollenreifen an den Start gehen werde, möchte ich ungern auf den Komfort breiter Reifen verzichten. Ob ich bis dahin auf 650b Felgen und 47mm Reifen umgestiegen bin oder weiterhin auf meinem 700c Radsatz mit 40mm Gravelreifen fahre ist nicht zuletzt eine Frage des Budgets. Radfahren ist ein teures Hobby. Und ich muss jetzt nicht extra um evtl. 1-2 km/h schneller zu fahren mehrere hundert Euro investieren. Der SON-Nabendynamo in dem von mir favourisierten Radsatz wäre aber so oder so ein schöner Zugewinn. Na mal schauen...

Wenn ich mir mein Rad selbst so angucke gibt es da noch drei weitere Punkte die noch nicht abschließend geklärt sind.
Schutzbleche? Ja oder nein? Jetzt im Winter habe ich einfache, recht stark gekürzte Schmutzfänger montiert. Aber solange es höchtens nass und nicht schlammig wird, denke ich könnte ich drauf verzichten. Eine Sache weniger die klappern kann und unterwegs Probleme bereitet. Probleme habe ich mit meinem Licht nämlich schon genug.
Meine Supernova Airstream, die mich den Rest des Jahres sehr zuverlässig begleitet hat, steht nämlich unter Wasser. Bzw. es hat sich Kondesfeuchtigkeit in das Gehäuse geschlichen. Vom Kundendienst habe ich bei der nicht mal 6 Monate alten Lampe bisher noch immer keine Rückmeldung bekommen. Zur Zeit setze ich auch noch rein auf Akku-Lampen, was bei einem so langen Rennen wie dem RatN zu einer eigenen Herausforderung werden kann. Neben der Beleuchtung möchten ja auch Navi und Smartphone mit Strom versorgt werden. Mit meiner 20.000mAh Powerbank bin ich zwar grundsätzlich schonmal gut aufgestellt, erfordert aber auch einen ständigen Blick auf die Ladestandsanzeige. Sonst geht mir in der letzten Nacht der Saft aus und ich steh dann blöd rum. Auch hier wäre ein Radsatz mit Nabendynamo hilfreich. Ach ja, mal gucken...

Und dann habe ich hier noch so eine Pommesgabel, äh, ich meine natürlich einen Auflieger für meinen Lenker rumliegen. Sexy ist anders.
Und vielleicht ist es nur die Optik die mich stört. Aber ich sträube mich doch sehr mit dem Teil durch die Gegend zu rollen. Für alle, die nicht wissen, was ein Auflieger ist: Das ist so ein Anbauteil für den Rennradlenker, der gerne von Triathleten genutzt wird. Es gibt zwei Polster auf denen man die Ellbogen abstützen kann und nach vorne ragen verlängerte Griffe für die Hände raus. Man kann sich also quasi damit auf seinen Lenker legen.
Auf der Pro-Seite steht die bessere Aerodynamik, die Entlastung der Arme, Handgelenke und des Oberkörpers.
Aber der Auflieger nimmt auch einen Großteil meines Lenkers in Beschlag und damit von mir präferierte Befestigungsmöglichkeiten für Lampe und Fronttasche. Warum ist eigentlich jedes Zubehör das am Lenker befestigt werden soll so konstruiert, dass es idealerweise an der Stelle sitzen möchte, wo bereits was anderes verbaut ist? Navi, Lampe, Tasche, Handyhalter, Auflieger...
Zudem bin ich auch bei langen, mehrtägigen Fahrten immer recht gut ohne Auflieger zurechtgekommen. Das Bedürfnis meine Hände oder Arme zu entlasten hatte ich dabei nie. Das mag natürlich auch an meinem etwas breiteren und komfortableren Garvellenker liegen. Da ist selbst die Position in den Drops fast wie bei einem Hollandrad. Naja, fast... ;-)
Bei Brevets fahren die Meisten ja auch ohne. Das kann natürlich auch am (freundlich ausgedrückt) Traditionsbewusstsein vieler Rennradfahrer liegen, die so einem Schnickschnack mißtrauisch gegenüber stehen.
Ich vergleiche den Auflieger mittlerweile mit einem Rucksackhüftgurt. Geht man in ein Geschäft oder fragt erfahrene Wanderer hört man in 99% der Fälle ein Rucksackhüftgurt wäre unverzichtbar. Als erfahrenen Ultraleichtwanderer hab ich allerdings über die Jahre meine Gepäck so reduziert und die Ausrüstung dahingehend optimiert, dass ich auch auf langen Touren komfortabel ohne Hüftgurt zurechtkomme. Tatsächlich empfinde ich es in der Regel sogar als angenehmer. Vielleicht ist es so ja auch mit dem Auflieger. Lass alles weg, was Du nicht brauchst und optimiere lieber den Rest so, dass Du auch ohne diese Extras auskommst. Tja, wie werde ich mich wohl entscheiden...

Und dann ist da neben meinem Rad natürlich noch meine restliche Ausrüstung. Ob ich jetzt mit langer oder kurzer Radhose an den Start gehen werde, bzw. langes Trikot oder Kurzes plus Armlinge nutze, werde ich kurzfristig vom Wetterbericht abhängig machen. Wechselkleidung möchte ich eigentlich nicht mitführen. Höchstens ein paar trockene Schlafsachen. Und natürlich wird eine Regenjacke und für die Nachtfahrten eine obligatorische Warnweste eingepackt.
Mein Schlafsetup findet erfreulicherweise bequem in meiner 9 Liter Satteltasche von Apidura Platz. Dazu gehört eine körperlange Isomatte zum Aufblasen von Sea-to-Summit, ein hüftlanger Schlafsack von OMM plus passender Jacke die an den Schlafsack geknöpft werden kann. Und zu guter Letzt ein wasserdichter Biwacksack. In der Tasche hätte ich sogar noch Stauraum übrig um Wechselsocken, Kleidung und ein paar andere Kleinigkeiten unterzubringen. Sollte die Wettervorhersage sehr mies sein, würde ich noch ein kleines, kompaktes Zelt einpacken. Aber ich möchte erstmal ohne planen.
Das Werkzeug landet komplett in einer gut zugänglichen Werkzeugdose am Unterrohr. Damit habe ich noch Platz für zwei Flaschenhalter für je 0,75Liter.
Ob ich am Start meine Rahmentasche für die Verpflegung und evtl. Regenbekleidung etc. montiert haben werde, oder ob ich mit einer kompakten Fronttasche am Lenker besser klarkomme steht auch noch in den Sternen. Oder gar beides? Aber das wäre nach meiner momentanen Planung unnötig. Entscheidungen, Entscheidungen...

Es sind noch 3 Monate und 3 Wochen bis zum Start in Amerongen. Ich bin gespannt.